Trail Tipp

Reise zum Mittelpunkt der Erde – Korsika

Was ist es eigentlich was Trail Runner wollen?

Ich glaube es geht darum Freiheit zu erfahren, in völlig unberührter Natur den ersten Schritt zu wagen, seine Grenzen auf unerfahrenen Gebieten auszutesten, den eigenen Puls hochzutreiben – durch die Belastung, durch die atemberaubende Umgebung! Genau das haben wir auf der Ile de beautè gesucht!

Man erkennt am Duft der Insel das es sich um Korsika handelt – und das schon von der Fähre aus. Von Livorno (Italien) sind wir mit der Fähre über das Mittelmeer geschifft. Das Auto randvoll mit Klamotten, Trailaccessoires und Schuhen. Die besten Profilpiraten waren mit an Bord. Was wir von der Insel wussten? Vom Strand bis ins Gebirge sind es nur wenige Kilometer. Das wollten wir selbst erfahren. Die Nachtfähre war gespickt mit verrückten Smartphone Usern, die die ganze Zeit Netz suchten um ihren Facebook Status aktuell zu halten, Kindern die wie Wild durch die Gänge rasten und überwiegend übernächtigte, mit tiefen Augen unterlaufene Gesichter, die aus ihren Schlafsäcken inmitten des Geschehens nach Schlaf suchten. Gegen 23Uhr in der Nacht hallte es aus den Lautsprechern ein gebrochenes Englisch – irgendwas von wegen „Aufstehen – zum Auto – Hafen – Korsika“. Man kann es sich in etwa so vorstellen, wie bei einem großen Citymarathon in der ersten Reihe. Jeder will der Erste sein der losläuft und behilft sich seiner eigener Körperstatur, um den Streetfight zu gewinnen. Kurz über das oberste Deck gerannt, rochen wir den eigentümlichen Duft von Thymian und Mandeln der Insel, vermischt mit Schweiß und billigem Parfùm der Luxusladies nebenan. Im Hafen von Bastia angekommen, wurden wir von lauter Diskomusik auf die 2-stündige Autofahrt nach Calvi begleitet. Kräfteentzehrt kamen wir an der Statur der Madonna auf einem Berggipfel etwa 400m über Calvi an. Durch die vor Müdigkeit zusammengekniffenen Augen konnten wir die Lichter der belebten Stadt sehen, das Meer rauschen hören und fingen nun an den Mücken den Kampf anzusagen. Diese Nacht waren es gefühlte 35°C – im Schatten versteht sich! Deshalb schliefen wir bis kurz vor Sonnenaufgang auf einer Decke die weder verhinderte das die einheimischen Riesenameisen über uns kletterten, noch das die Steine unter uns tattooartige Abdrücke hinterließen. Die Sonne ging über den Berggipfeln auf und tauchte alles in Farbe. Wir nutzten die Gelegenheit mit Flip Flops den ersten Berg als kleinen Auftakt zu besteigen. Ein Wahnsinnsgefühl. Schnell noch die Zähne an der nächsten Quelle geputzt und ab ins Camp „Zum störrischen Esel“. Es handelte sich hierbei um eine „rustikal-familienfreundliche Outdoorfreakshow“. Alles ziemlich geil. Vom Standpunkt des Esels aus kann man vom Strand direkt ins Gelände laufen. Hinter der Stadt, noch schräg oberhalb unseres freinächtlichen Schlaflagers liegt der Capu di a Veta. Aus der Ferne erkannte man die feinen Linien, die wir als Trails bezeichnen können. Die eher baumkarge Landschaft lässt viel Einblick ins Gelände zu. Die Mission für den nächsten Morgen lautete, den Sonnenaufgang vom Gipfel des Berges zu bestaunen. Dazu peilte ich, wie bei einer alten Pistole, die Kimme meiner GPS Uhr mit zusammengefitztem Auge und suchte das Korn. Laufrucksack auf, Stirnlampe an, Ipod auf shuffle und ab ins Gelände. Nach ca. 1km Straße bemerkte ich den Wechsel des Untergrundes von hart zu sandig. Die Nacht war schweinedunkel – keine Sterne, kein Mond, aber immer noch die gleichen Mücken. Ein breiter Weg mit tiefen Wasserrillen, jede ein Trail für sich, verlief ins Nirgendwo. Kurzerhand erinnerte ich mich an ein wegweisendes Zitat des Gripmasters: „Im Zweifel immer den schmaleren Trail“. Das machte ich mir zunutze und bog auf den nächsten kleineren Trail ab. Dieser zog sich steil bergauf, war durchlöchert mit kleinen Wasserauffangbecken, kratzigen Sträuchern und Spinnenweben über die komplette Breite. Immer mal wieder leuchteten mich fiese Augen aus der Ferne an, die sich später als kleine Echsen oder niedliche Kaninchen entpuppten. Vorbei an einer wahrscheinlich Jahrtausend alten eingefallenen Hütte erreichte ich die erste und letzte Terrasse vor dem Gipfel. Von hier aus konnte ich das bisher schönste und erschreckendste Schauspiel der Natur beobachten, was ich jemals erlebt habe. Das Meer schien unweit weg und ständig schlugen mit krasser Wucht Blitze ins Meer die scheinbar näher zu kommen schienen. Da der Gipfel noch lange nicht in Reichweite war, musste ich meine Expedition abbrechen. Der Wetterumschwung gab mir Recht den Lauf abzubrechen. Es goss wie aus Eimern, die Wolken färbten sich von dunkel zu saudunkel, was nicht ungewöhnlich zu sein scheint nach den Aussagen der Bergführer im Camp. Gleiches Prozedere vertagt auf morgen. Bis zur Bergterrasse auf dem übrigens ein Strommast stand der so laut surrte, dass ich meinen Ipod auf eine mir völlig unbekannte playlist durchsuchte. Die sandigen Trails hatte ich hinter mich gebracht und stand nun vor großen Steinsbrocken mit roten Markierungen. Auf rot reagiere ich ja wie ein Stier und rannte hinein in einen der größten Spaßtrails die ich auf der Insel gefunden hatte. Ich pendelte ständig zwischen individueller Trailbergauflauftechnik mit Händen auf den Knien, Speedhiking und Klettern und fand mich in Gedanken in einem Skyrace kurz vor Kilian wieder. Bis zum Gipfel verging gefühlt viel Zeit, die sich aber im Nachhinein relativierte. Kurz vor Sonnenaufgang stand ich am Gipfelkreuz und hinterließ im Gipfelbuch eine obligatorische Dankesrede in schriftlicher Form. Es war 5:37Uhr und ich nahm mir noch eine viertel Stunde Zeit die Natur zu genießen. Es trudelten zwei weitere Läufer ein mit denen ich mich kurz per Hand und Fuß verständigte: Übersetzt könnte das Gespräch folgendermaßen ausgesehen haben: „Voll harter Weg, aber geile Schuhe Alter!“ Während ich antwortete: „Ich finde es auch total schön hier, würde aber den Fuß da drüben nicht hinsetzen, weil da jemand markiert hat.“ Ich verließ den Summit mit ausgebreiteten Flügeln und flog von Stein zu Stein. Irgendwo in der Sandpassage stolperte ich auf Legionäre in voller Montur: Großer Rucksack, Tarnfarbe im Gesicht, Gewehr angelegt und Marsch Marsch. Mit einem lautem Brüller, erlernt in meiner Bundeswehrkarriere, verschaffte ich mir Gehör und Raum, denn der Trail ließ eigentlich nur Platz für zwei meiner Statur oder ein Viertel eines solchen Schrankes. Während Alles im Esel noch schlief wanderte ich fröhlich aber geschafft wieder ein und überfiel im Piratenstyle das Frühstücksbuffet. Die nächsten Tage erkundete ich zusammen mit meiner Freundin das weitläufige Gelände und wir waren erstaunt, welch tolle Trails man zwischen den Dünen laufen kann. Zwar hat man Sand in den Schuhen wie nach einem asiatischem Peeling im Gesicht, aber der Spaßfaktor war hoch. Hin und her, rechts und links, hoch und runter, mal Wurzeln, mal Wasser – ideal für Kraftausdauer gepaart mit Speed. Wenn man von Calvi aus in Richtung Flughafen fährt und die enge, sagen wir mal unausgebaute Straße ins Bonifacio-Gebirge fährt, kommt man in ein Wander- und Badedomizil, auch die Gumpen genannt. Wenn man es mag, kann man auch die Badegäste in den Wasserlöchern als Hindernisse nutzen. Ansonsten läuft man am Besten Flussaufwärts weiter ins Gebirge rein. Man kann den einfachen Weg nehmen, quasi ein gewöhnlicher Trail – die Pussyline, wie wir sie uns vorstellen und alle schon mal gelaufen sind, oder man definiert Trailrunning neu und nimmt den Flusslauf. Dieser besteht aus verschieden, von Kiesel bis 3-fach aneinandergereihten Teleskop-Trailpoles großen, griffigen Gesteinsbrocken. Hier haben wir uns wirklich ausgelassen. Man läuft zwar keine Massen an Kilometern, weswegen die Ultras unter uns wohl lieber den konventionellen Trail aufsuchen sollten, aber man nimmt an einem Ganzkörpertraining teil und hat am Ende durchaus eine nette Profilgrafik auf der Uhr. Die erste Woche verbrachten wir immer wieder im Bonifacio-Gebirge und erkundeten Traumtrails, bevor wir in der zweiten Woche die Reise gen Süden antraten. Auf der Autofahrt einmal quer durch`s Land an die Ostküste Korsikas, enttarnte sich die Insel als verspielte single-trail-durchzogene Landschaft, mal mit weniger mal mit mehr Bergen. Eigentlich kann man direkt aus dem Auto hüpfen, denn in jeder Steilkurve gibt es irgendwo eine Kuh oder ein Schwein, die das Tor zur Welt aufhält. Man läuft ein paar Meter auf gewöhnlich schmalen Wegen, bevor man wie in Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ in immer völlig neue Welten eintaucht. Raus aus den zugewachsenen Trails eröffnet sich oft eine Landschaft in der eigentlich nur noch die Dinos fehlen, um den anfangs beschrieben ersten Schritt zu setzen. Man durchläuft Wasserfälle, klettert steile Passagen, gönnt sich einen Moment der Ruhe bevor die Adler anfangen zu kreisen und fragt die nächste Bergziege nach einem Drive In, weil man soweit gelaufen ist, dass die Verpflegung nicht reicht. Aber genau das macht es aus, nicht zu wissen wo man landet. Trail Running eben!

Geheimtipp: GR20

Mit guter Ausrüstung, viel Zeit und hoher Schmerztoleranz kann man sich den 170km langen und von Nord nach Süd verlaufenden Höhenwanderweg widmen. Im Reiseführer wird er teils als gefährlich eingestuft, nicht zuletzt wegen des schnellen Wetterumschwungs und der wilden Tiere (vielleicht doch Dinos?). Man kann aber auch an vielen Stellen den schnellen Einstieg finden und Teile des Ultratrails ablaufen. Laufenswert ist er allemal, da man auch einige der höchsten Gipfel der Insel stürmt und einen tollen Ausblick genießen kann.

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